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Machtzentrum

Diese Frage nach einem zentralistischen Machtzentrum würden Politikwissenschaftler auf den ersten Blick mit Ja beantworten. Ohne Machtzentrum ist kein Staatsgebilde regierbar. Doch auf dem zweiten Blick stellt sich die Frage nach einem Staat ohne Machtzentrum ganz anders dar. Denn solch ein Pluralismus würde die Abgabe von Macht und hoheitsbesetzten Aufgaben bedeuten.

Machtzentrum

Ohne Machtzentrum ist kein Staatsgebilde regierbar.

Abgabe von Macht und Aufgaben wären aber von einem subsidiären Prinzip geprägt und von einem hohen Maß an Vertrauen in die eigene Politik. Schlussfolgernd kann daraus gesagt werden, dass die Polyarchie deshalb nicht in Betracht gezogen wird, weil im Machtzentrum die Verlustängste zu groß sind. Die Angst nicht mehr alles in der Hand haben zu können, lässt die Staatsformen immer straffer und reaktionärer werden und die Dominanz des Machtzentrums wachsen. Das wird von Menschen, die gerne als unpolitisch und politikverdrossen abgestempelt werden, sehr wohl wahrgenommen. Wogegen sich diese Menschen mit allen Mitteln zu Recht wehren.

Gab es Beispiele in der Geschichte für solche Staatsformen?

Ja, die gab es! Da ist zum einen als Beispiel der griechischen Stadtstaaten zu nennen, die sich bei größeren Interessen und Konflikten zu größeren Verbünden zusammenschlossen. Aber sonst ihre dezentrale, regionale Eigenständigkeit mit höchster Perfektion verteidigte. Wer den Stadtstaat durch Gedanken oder Taten in Gefahr brachte, der wurde bei einem sogenannten “Scherbengericht”, wo alle Bürger abstimmen durften (Volksabstimmung), aus der Stadt verbannt. Die Verbannung dauerte genau 10 Jahre. Wer nicht ging oder zu früh wiederkam, der wurde mit dem Tod bestraft. Die Volksabstimmung nach griechischem Muster ist bis heute in weiten Teilen der Schweiz erhalten geblieben. Wichtige Entscheidungen werden nicht dem Parlament überlassen, sondern den wahlberechtigten Bürgern. Ein zweites Beispiel für solch eine Polyarchie ist das System der Hausmeiereien und Pfalzen im Reich Karls des Großen. Dabei spiegeln aber diese Pfalzen und Hausmeiereien eher das Gegenteil als einen größeren Pluralismus. Karl der Große nutzte diese dezentralisierte Herrschaftsstruktur für die Kultivierung und Christianisierung seines Reiches. Er führte so einheitliche Verwaltung, Schrift, Schule und Glauben ein, die dazu dienten, das karolingische Reich in seinen Ansprüchen abzusichern.

Welche Staatsform ist die Richtige?

Ob
a) die Demokratie
b) die Diktatur
c) die Oligarchie
d) die Hegemonie
e) die Polyarchie

herrschen. Jede Staatsform hat aus der Sicht der Politikwissenschaft ihre Defizite in einem einzigen Machtzentrum. Denn die Politik und die mit ihr installierten Regierungselemente (Legislative, Exekutive und Judikative) sind nicht so wendig und schnell, wie es oft wünschenswert wäre. Falsche Einschätzungen führen gerade im Zeitalter der medialen Kommunikationsmittel zu Situationen, mit denen vor einigen Jahren noch niemand gerechnet hätte. Überwachung und Restriktion sind keine Lösung, denn was lange unterdrückt wurde, öffnet sich wie Blow-ups auf Autobahnen, wenn die Situation überhitzt und eskaliert. Deshalb wäre gerade der ernst zu nehmende Dialog mit dem jeweiligen Machtzentrum angezeigt. Wasserwerfen und Tränengas eines demonstrierten Machtzentrums sind kein Dialog.